Montag, Februar 09, 2009

erinnerung oder literatur lesen?

ist es nun - wie im text selbst thematisiert - erinnerung, um den verlust der tochter verarbeiten zu können, oder literatur, was michael köhlmeier mit "idylle mit ertrinkendem hund" zu einem schmalen band samt umschlagillustration des sohnes hat drucken lassen? ohne jeden zweifel liefert das büchlein eine umfassende preisgabe nicht nur des eigenen innenlebens, sondern auch des intimen, privaten umfelds. so sehr, dass sich der gelernte vorarlberger bei der lektüre zuweilen sogar bemüssigt fühlt, gleichsam schamerfüllt oder aus respekt nicht 'hinzustarren' auf das seelenbild, welches köhlmeier entwirft. mit der figur des lektors und mit dem spiel der ebenen bekommt die private erinnerung auch die literarische dimension, die das 'ich' im text selbst hinterfragt. ein text über verlust mit gewinn für den leser.

ein 'pandämonium des schreckens' lesen

dass die casalesi und sonstigen clans des kampanischen "systems" auf roberto savianos 'waffe des wortes' am liebsten mit den ihnen vertrauten waffen antworten möchten, liegt auf der hand. 

die akribische darstellung savianos der legalen und illegalen wirtschaftlichen machenschaften der camorra im buch gomorrha zeichnen ein pandämonium des schreckens: von der beherrschung der textilwirtschaft bis hinauf in die alta moda durch schmuggel chinesischer chinesischer ware, über die verelendung in den menschenunwürdigen betonwüsten von casal di principe, secondigliano oder scampia, wo nur noch der drogenhandel perspektiven bietet, über zement als grundlage des machtmonopols bis hin zum dreckigen geschäft mit giftmüll, der unter den augen der eu illegal verkauft, gestreckt, verbrannt und in jedem fall zu geld gemacht wird. das sterben ist in diesem system 'nur' eine begleiterscheinung, die sicherstellen soll, dass die wirtschaftsmaschinerie von neapel aus über ganz italien, die spanische costa del sol bis nach schottland (!) klaglos läuft.

als lektüre auf dem nachttisch sollte die literarische anklage einen gefahrenaufkleber auf dem cover aufweisen, welcher vor unruhigem schlaf warnt.

Mittwoch, Januar 14, 2009

sich mit unterstützung des landes am arlberg bewegen


tourenspuren
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hervorragendes wetter, gute schneeverhältnisse und eine unwiderstehlich günstige aktion des landes vorarlberg: am familien-skitag müssten die skigebiete am arlberg eigentlich vor familien überquellen. aber die pisten sind herrlich frei, wartezeiten gibt es sowieso keine und der 'weisse ring' rund um lech belohnt uns mit prächtigsten panoramen. erst hinterher wird klar, dass kathrin mit einer gebrochenen zehe unterwegs war ... 

erfolgsmodelle mehr ansehen als lesen

geniale geschenke sind rar, aber dieses schlanke büchlein hat es in sich: von der moleskin-notizbuch-anmutung, die jedermann und -frau zugreifen und blättern lässt, über die gestaltung, die inhalte bis hin zu den vielen eigenen gedanken, die beim durchsehen der grafisch aufbereiteten unweigerlich aufblitzen. zu lesen gibt es nämlich gar nicht so viel, in den "50 erfolgsmodellen" von mikael krogerus und roman tschäppeler. mit einer dankbaren verneigung vor den schenkenden würde ich bei diesem werk aus dem interessanten verlag kein&aber (!) von einem 'gedanken-enzym' sprechen.

hochgelobtes mit weniger begeisterung lesen

im gegensatz zu den allermeisten kritiken kann ich die überschwängliche begeisterung für irvin yaloms "und nietzsche weinte" nicht teilen. natürlich hat die schöne idee, historische figuren, die sich real so nie begegnet sind, im roman zusammenzuführen, ihren reiz und yaloms recherchen zu belegten details und zitaten sind beeindruckend. aber das konstrukt zur geburtsstunde der psychotherapie wirkt doch bemüht und drückt dem leser streckenweise ziemlich unverblümt ratgeberliteratur zur midlife crisis aufs auge, verpackt in schnitzlersche fin-de-siècle wien-stimmungsbilder.

Montag, Dezember 29, 2008

das fest wieder mit fieber erleben

nach zwei wochen intensiveinsatz in davos, dem fast vollständigen versäumen der adventzeit und fehlenden familienwochenenden ist die freude auf das weihnachtsfest und die ferien gross. pünktlich zu den feiertagen reichen sich die dämonischen familienmitglieder aber eine fiebrige verkühlung als besonderes geschenk weiter - und das hat diesmal ausnahmsweise nichts mehr mit kathrins 'fiebriger vorfreude' auf das christkind zu tun.

gerade noch pünktlich wird auch die jährliche weihnachtskarte fertig, wenn auch der kreativ- und zeitdruck darauf klar erkennbar ist.


schmunzelnd vom neuen mann von welt lesen

äusserlich ein schmales bändchen mit kurzen kapiteln für den raschen lesegenuss, innerlich eine köstliche management summary von gansterers artikeln, kolumnen und lebensweisheiten - samt angeschlossener philosophie-abteilung seiner literarischen alter egos phil waldeck und adam bronstein: man muss helmut gansterer nicht in allen details zustimmen, um den 'neuen mann von welt' als rundherum erfrischend und geistreich zu erleben.

buone feste geniessen

vielleicht das wesentlichste merkmal unserer freitäglichen bewegungsversuche, welche nur übertreibungskünstler als 'sport' zu benennen wagen, ist die nachbereitung in einem italienischen lokal zur aufnahme isotonischer getränke und von kohlenhydraten. auch bei der weihnachtsfeier bleiben wir so viel italianitá treu, verlagern das fest aber zum stöger nach röthis - einer vinothek für italienische weine mit angeschlossener bewirtung.

bemerkenswert ist neben den exzellenten weinen und der zumeist sehr feinen küche die tatsache, dass sich aus der fröhlichen tafelrunde fast drei regelkonforme volleyballmannschaften zusammenstellen liessen, während es am freitag im turnsaal meist schon mit zwei abgespeckten teams schwierig wird. sollte der stöger wirklich um so viel attraktiver sein, als das kollektive keuchen, schwitzen und bälle verschlagen, frau präsident?

p.s.: der nachtrag für notorische minimal-bargeldbestand-gasthausbesucher: ja, der stöger akzeptiert auch bankomatkarten und mit diesem wissen lässt sich das essen noch besser geniessen.

Donnerstag, November 13, 2008

ausschnittsweise lissabon bei nacht erleben

wer es sich nicht leisten kann, bis fünf uhr morgens durch die gassen und lokale zu ziehen, erlebt nur einen ausschnitt dessen, was die nächte in lissabon angeblich ausmacht.

dennoch gibt die runde vom portas largas durch die von menschenmassen überfüllten und als freiluftlokal genutzten gassen des barrio alto zum bedroom und weiter zum kultlokal lux am tejo einen ersten eindruck von dem, was weit nach mitternacht zu erwarten wäre.

meeresgetier geniessen


die sehnsucht der seefahrer
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vier tage lang fisch - ausser zum frühstück. die nähe zum meer macht sich auf der reise nach óbidos und lissabon am teller klar bemerkbar.

  • vielleicht die grossartigste möglichkeit, fisch in schlüssiger atmosphäre zu geniessen, eröffnet sich im restaurante rio cortico: auf empfehlung eines hotelmanagers verlassen wir das praia d'el rey resort im taxi. der freundliche fahrer mit dem schnauz kurvt in aller seelenruhe durch menschenleere kiefernwälder, rumpelt über waschbrett-schotterstrassen, nimmt abzweigungen, an denen jede beschilderung fehlt und plötzlich stehen wir in dunkelster nacht vor einer sanddüne. beim aussteigen ist das getöse des atlantik unüberhörbar und nach ein paar schritten durch die finsternis stehen wir als einzige gäste in einem winzigen strandrestaurant. alleine die muscheln in einem sud mit knoblauch und koriander würden fürs wohlbefinden reichen, aber wer wollte sich den verzicht auf einen puristisch zubereiteten steinbarsch vom holzkohlengrill verzeihen?
  • eine völlig andere welt dann in lissabon: im kais an den alten docks nehmen augeu und gaumen eindrücke zwischen operninszenierung, alter fabrikshalle und gourmetrestaurant auf. auch hier dominieren die produkte des meeres in feinster qualität die speisekarte.
  • alle schwärmen vom pap'açorda und jeder scheint das lokal zu kennen. umso glücklicher der umstand, dass die concierge vom dom pedro palace einen tisch ergattern kann. allerdings ist es gar nicht so leicht, den eingang zum restaurant in einer dieser verschmuddelten gassen des bairro alto zu finden. dahinter tut sich ein modern gestaltetes reich der kulinarik auf, mit freundlichen kellnern (überhaupt scheint die stadt von einem permanenten westwind an freundlichkeit verwöhnt zu werden), witzigen zeichnungen in der speisekarte und einem angeblich illustren publikum. als unkundigem gast aus dem fernen ausland ist letzteres ziemlich gleichgültig, das interesse richtet sich viel mehr auf die teller. dort landet - der restaurantbezeichnung entsprechend - eine portion vom brot-knoblauch-koriander-gemisch 'açorda' mit stockfisch, vom kellner mit virtuosität am tisch verrührt. die legendäre riesenschüssel mit dunklem schoko-mousse hält auch an unserem tisch für einen zwischenstopp.

  • im vielfach besprochenen und ausgezeichneten gambrinus besteigt der gast eine zeitkapsel, welche das design und die gebräuche der 60er jahre stilgetreu bewahrt hat. wo sonst als in dieser lissaboner institution werden noch crêpe suzette mit zirkusreifem aufwand coram publico flambiert? aber auch hier richtet sich das hauptaugenmerk eigentlich auf fisch und meeresfrüchte, die von einer halben armada an kellnern serviert werden. das gefühlte betreuungsverhältnis ist vier (kellner) zu eins (gast).

an das ende europas reisen


das ende europas
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genau in dem moment, als das taxi die kuppe erreicht und sich die strasse schnurgerade richtung atlantik hinunterneigt, meint der fahrgast, etwas von der faszination der portugiesischen seefahrer erahnen zu können. denn irgendwo dort drüben - wir stehen am westlichen ende europas - liegt die neue welt.

auf den neuzeitlichen reisenden warten im praia d'el rey resort alle annehmlichkeiten, grossartige ausblicke und unmengen an versteckmöglichkeiten für golfbälle. die sonnenminuten sind im november ein wenig spärlich, aber der atlantik würde jetzt ohnehin nicht zum baden reizen. umso erfreulicher gestalten sich in dieser weltgegend aber die begegnungen mit jenen zeitgenossen, welche den atlantik ungeachtet der temperaturen bevölkern - bis sie von dort herausgeangelt werden: fische und meeresfrüchte.

senioren mit schwung hören

sie ist jahrgang 1930, bringt einen konzertsaal zum kochen, berührt mit ihrer stimmlichen vielfalt, legt zwischendurch ein altersbedingtes päuschen backstage ein und kehrt mit kubanischen tanzschritten zurück: omara portuondo begeistert beim jazznojazz festival im theaterhaus gessnerallee in zürich. ebenfalls altersbedingt haben wir uns für dieses vergnügen einen kombipass mit sitzplatz auf der tribüne gegönnt, weil wir das mittanzen(!) im parkett wohl nicht mehr länger durchstehen würden. auffällig sind auch die sicheren textkenntnisse der spanischsprachigen zuhörer bei 'besame mucho', die das lied zu einem kräftigen choral anschwellen lassen.

während der pause begeistern wir uns für die atmosphäre und architektur im 'stall 6'. hin und wieder hat die mehr-oder-weniger-grossstadt (wir sprechen von zürich ...) doch auch ihre reize.

nach der pause heizt dr. john ein, immerhin auch schon jahrgang 1940. sein funk reisst das publikum in geänderter besetzung - wie viele nahmen eigentlich das kombiangebot wahr? - voll mit. bei aller fetzigkeit der musik dringen aber auch die politischen töne deutlich durch, etwa rund um die katrina-flutkatastrophe in seiner heimatstadt "n'awlinz". auch wenn der gute mann am stock einherstolziert und die bühne nach einer irrwitzigen zugabe mit 'lay my burden down' am selbigen wieder verlässt, war das kein rentnerschicksal, das man an diesem abend verfolgen durfte.


konsumismuskritik lesen

richtig gelesen und kein tippfehler: 'konsumismus'. so benennt benjamin barber im umfangreichen schmöker 'consumed' jenes aktuell herrschende dogma, welches den puritanischen kapitalismus seiner ansicht nach abgelöst hat und sowohl die demokratie als auch diskurs und reifes denken unterminiert. die kritik an der konsum-allmacht ist auch nachvollziehbar und umfassend. aber der leser bleibt am ende doch insofern enttäuscht zurück, als konkrete vorschläge zur abkehr fehlen (so gesehen stimmt das diktum vom 'kulturpessimismus' des staatspreisträgers). allerdings wurde 'consumed' vor der finanzkrise publiziert. vielleicht erledigt sich jetzt manches von selbst.

sich in einer völkerwanderung bewegen

ist es wirklich bloss das datum - nämlich der nationalfeiertag am 26.10. - welches die vorarlberger traditionellerweise in scharen in die berge pilgern lässt? oder doch eher das hervorragende wetter samt gewaltiger fernsicht. wie auch immer: mit viel glück ist der sitzplatz auf der überfüllten terrasse des alpwegkopfhauses gesichert und die feiertagswurst schmeckt hervorragend. für die tatsache, dass die sonst bekanntermassen leicht grantige hüttenwirtin sich ausgerechnet beim massenansturm von gästen in bisher ungekannte sphären der freundlichkeit aufschwingt, gibt es wohl kaum eine vernünftige erklärung. 

Sonntag, Oktober 26, 2008

liebesgeschichte mit paradoxien sehen

wie überwindet liebe fast mühelos raum und zeit? ganz einfach durch ein drehbuch für einen film, der mit ein paar haarsträubenden paradoxien und einem vergleichsweise konventionellen, aber schlicht nicht script-konformen ende aufwartet. so gesehen im "haus am see". 

Dienstag, Oktober 21, 2008

den geburtstag in seltsamer atmosphäre erleben

"eine mischung aus 'catch me if you can' und 'lost in translation'" - so mein mitfeiernder kollege über die atmosphäre der lobby bar im hilton zürich, wo wir auf meinen geburtstag anstossen. einige stilelemente der szenerie kommen meinem geburtsjahrgang bedenklich nahe. hotelbars lassen sich renovieren, ich hingegen ...

freude beim schenken erleben

der vorteil meines geburtstags ist die tatsache, dass jener meiner älteren tochter genau auf den vortag fällt. deshalb erlebe ich jeweils die grösste freude dabei, meiner tochter beim feiern zuzusehen, statt das fortschreiten des eigenen alters zu zelebrieren. diesmal freut sie sich über ihren ipod nano, der mich am weg vom apple store in chicago über den grossen teich begleitet hat. das leuchten in den augen meiner grössten und kleinsten frau macht mir deutlich, dass ich drei stück mitnehmen hätte sollen.

Montag, Oktober 20, 2008

kosmopolitisch geniessen

nur 15% der bevölkerung dubais - tendenz fallend - sind einheimische. entsprechend multikulturell gestaltet sich die kulinarische landschaft. 

so verwundert es kaum, dass im noodle house im souk madinat jumeirah die hotel- und büroangestellten der umgebung scharfe nudeln 'singapore style' schlürfen.

am donnerstag abend stürmen die ex-pats zum auftakt des wochenendes in gruppen und voll aufgedonnert die hotelrestaurants im murooj rotana. die auswahl reicht von südamerikanischen spezialitäten im latino house über seafood bis zu indischer küche.  

im kan zaman restaurant im heritage village am creek ist es dann die libanesische küche, unter der sich die buffettische biegen. immer wieder gewöhnungsbedürftig, dass zu hummus, köfte & co. ausserhalb der hotels nur limonaden und cola serviert werden.

statussymbole sehen

mit welchen accessoires lässt sich die basisdemokratische, schlicht weisse kleidung der arabischen männer - die thobe oder kandura - zu einem modischen statement samt hinweis auf die einkommenskategorie verwandeln? mit füllhaltern, etwa von montblanc, in der brusttasche und darauf abgestimmten manschettenknöpfen. das arabische sprichwort "iss, was immer du willst, aber kleide dich wie die anderen" erlebt dadurch eine abwandlung.

ins auf sand gebaute disneyland reisen


künstliche welten
Originally uploaded by herwig.daemon.
künstliche welten auf sand, im wasser und hoch in die luft ragend. dubai kennt als adjektivform für seine gebäude und attraktionen ausschliesslich den superlativ. der mitteleuropäisch konditionierte besucher nimmt den planerischen und ökologischen wahnwitz mit staunen zu kenntnis, der mit rund 30% der weltweit verfügbaren baukräne sowie auf pakistanischen, indischen und philippinschen schultern gestalt annimmt.

gleich in der nachbarschaft des al murooj rotana hotels ragt das bereits als rohbau höchste gebäude der welt in den wüstenhimmel, der burj dubai. was treibt touristen dazu, sich hier, inmitten der grössten baustellen der welt, an den pool zu legen und den wolkenkratzern beim wachsen zuzusehen? 

alles, was sonst irgendwie noch nach tradition aussieht, ist kunstfertig nachgebaut. im madinat jumeirah - einem "souk im arabischen stil" - werden die geschäfte mit touristensouvenirs von philippinas betrieben, starbucks und tiefgarage fehlen ebenso wenig wie die üblichen food courts der amerikanischen malls. so muss sich das publikum nicht umgewöhnen.